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Dieser Newsletter stammt aus der Feder unseres Mitglieds Christian Jahl. Er hat sich sehr mit dem Thema „KI in der Musik“ beschäftigt und dazu auch in seinem Blog auf seiner Homepage einen Beitrag veröffentlicht. Diesen möchten wir euch natürlich nicht vorenthalten. Der Satz „Man hört nur mit dem Herzen gut“in Anspielung auf das berühmte Zitat „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“ aus dem Klassiker „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry könnte diesen interessanten Artikel nicht besser kurz zusammenfassen. Aber lest selbst:

Wir schreiben das Jahr 2026. In den unendlichen Weiten des Musikuniversums hat eine Entdeckung Einzug gehalten, deren Tragweite man vor einigen Jahren nur erahnen konnte: Die Künstliche Intelligenz.

Noch ist sie keine eigenständige Spezies, doch viele betrachten sie bereits mit einem mulmigen Gefühl. Und genau da liegt der Kern: beim Gefühl. KI-Algorithmen generieren heute per Knopfdruck in Sekunden Songs, Instrumentaltitel oder ganze Symphonien. Das Ergebnis sind „perfekte“ Produktionen ohne jede Schwäche. Doch dies ist nur die Oberfläche. Denn diese Stücke haben keine Ecken und auch keine Kanten. Während mittlerweile alles von YouTube, Social Posts und Spotify mit dieser generischen Musik geflutet wird, stellt sich die Gretchenfrage: Wo bleibt die Seele?

Die Illusion der Perfektion
KI-Musiktools wie Suno oder Udio sind beeindruckend. Sie beherrschen die Mathematik der Musik, kennen jede Akkordfolge und jedes Arrangement. Kein Musiker der Geschichte, weder Bach noch Beethoven, hätte über ein derartiges statistisches Wissen verfügen können. Sie haben aus sich selbst heraus komponiert, geleitet von echten Emotionen und dem Leben, welches sie lebten. KI lebt nicht und fühlt auch nicht, dafür profitiert sie von der Musik, die bis heute aufgenommen und aus dem Netz gezogen werden. Und das ist verdammt viel Musik, aus der sie ihre Informationen und „Inspiration“ ziehen kann.

Es wirkt fast, als hätte man – wie Adrian Leverkühn in Thomas Manns „Doktor Faustus“ – den Schlüssel zu einer grenzenlosen, aber kalten Genialität erhalten. Doch da diese Tools nicht leben, leiden sie auch an einem fundamentalen Defekt: Sie haben nichts zu erzählen.

Ein Algorithmus litt noch nie an Liebeskummer. Er kennt nicht die Euphorie nach einem langen Spaziergang durch London und er weiß nicht, wie sich das Zittern anfühlt, wenn man in der Aufnahmekabine steht und zum ersten Mal einen neuen Text einsingt oder eine Gitarre einspielt. All das sind Parameter der emotionalen Intelligenz, des Menschlichen, die in Musik mitschwingen. KI-Musik ist Musik aus dem Rückspiegel: sie fasst nur statistisch zusammen, was bereits existiert.

Das Handwerk: Wenn Fehler zu Kunst werden
In einem meiner früheren Essays habe ich über den Soundtrack des Filmklassikers Notting Hill geschrieben. Dort fällt der Begriff des „musikalischen Kitts“. Was diesen Kitt so wertvoll macht, ist das menschliche Moment. Es ist das Atmen zwischen den Phrasen, das minimale Schwanken im Tempo, die bewusste Entscheidung für eine Dissonanz, die eigentlich „falsch“ ist, aber sich in einem Stück genau deswegen richtig anfühlt. Sie ergibt im Kontext eines Songs Sinn. Sogar für ein ganzes Musikgenre kann sie wichtig sein, wie die „Blue Note“ im Blues. Denn die verminderte Quinte und die kleine Septime sind genauso wichtig, nicht nur die kleine/große Terz. Die „Blue Note“ schließt alles mit ein.

Das ist echtes Handwerk. Es ist die Entscheidung gegen die mathematische Wahrscheinlichkeit und kalte Perfektion. Gleichzeitig ist es die Entscheidung für das Bauchgefühl und den Moment.

Der „Page-Spirit“: Perfektion als Tod der Musik
Bei dieser Entscheidung für den Moment ist für mich als Gitarrist ein Name wichtig: Jimmy Page. Der Led-Zeppelin-Gitarrist ist der Beweis dafür, dass eine Aufnahme nicht fehlerfrei sein muss, um unsterblich zu werden.

Legendär ist die Anekdote zu Black Country Woman: Die Band nahm im Garten von Mick Jaggers Haus auf, als ein Flugzeug über sie hinwegflog. Auf die besorgte Frage des Tontechnikers, was nun mit dem Lärm sei, antwortete Pagenur: „Nah, leave it!“ Er wusste intuitiv, dass dieser echte Schnappschuss der Realität wertvoller war als eine klinisch reine Studioatmosphäre.

Page nannte das „leaving the hair on“ – das Haar in der Suppe lassen. Ob es das quietschende Bassdrum-Pedal in Since I’ve Been Loving You ist oder kleine Spielfehler. Er stellte die Energie immer über die Korrektheit. Genau dieser Spirit macht seine Musik authentisch und wird auch deswegen immer noch von jeder Generation neu entdeckt und gehört. Eine KI würde diesen „Lärm“ herausfiltern – und damit das Leben aus dem Song löschen. Warum könnte sie auch anders? Sie lebt ja nicht.

Ely Mercer oder: Die totale Leere
Ein moderner Gegenentwurf zu diesem Geist ist der virtuelle Künstler Ely Mercer. Kreiert vom Musikproduzenten Rick Beato, ist Mercer das perfekte Beispiel für die neue Künstlichkeit. Seine Songs stammen von Suno, seine Texte von Claude, sein Gesicht von einer Bild-KI. Rick Beato zeigt in seinem Video-Essay „I’m sorry… This New Artist Completely Sucks“ eindrucksvoll auf, dass dieser Perfektion die menschliche Unberechenbarkeit fehlt. Mercer ist perfekt, aber er ist „No Hair“ – glattgebügelt und ohne Identität.

Das menschliche Fazit
Das führt uns zurück zum musikalischen Kitt. Dieser Moment ist mit keiner Software der Welt zu kreieren. KI ist ein hilfreiches Werkzeug für lästige technische Aufgaben oder zur Inspiration – aber sie kann keinen menschlichen Moment erschaffen.

Und genau deshalb konnte keine KI wirkliche Musik erstellen. Musik, die echt ist, die Geschichten erzählt und ist, was Musik immer sein wird: Eine Brücke von Mensch zu Mensch, nicht von einem Algorithmus zu Usern.

Weitere Informationen zu Christian und seinen Blog-Beiträgen findet ihr hier:
https://christianjahl.de

Vielen herzlichen Dank an Christian, dass er diesen Blog-Beitrag zur Verfügung gestellt hat!